Projekt
III.6 Religion in Zeiten tiefgreifender Mediatisierung
III.6 Religion in Zeiten tiefgreifender Mediatisierung 1 Einleitung Die Religionsforschung beschäftigt sich schon seit über 30 Jahren verstärkt mit Religion und digitalen Medien, zunächst primär im US-amerikanischen und skandinavischen Raum.Für die erste Zeit lassen sich drei verschiedene Wellen der Internetforschung…
III.6 Religion in Zeiten tiefgreifender Mediatisierung 1 Einleitung Die Religionsforschung beschäftigt sich schon seit über 30 Jahren verstärkt mit Religion und digitalen Medien, zunächst primär im US-amerikanischen und skandinavischen Raum.Für die erste Zeit lassen sich drei verschiedene Wellen der Internetforschung konstatieren (Højsgaard and Warburg 2005): Die erste Forschungswelle Mitte der neunziger Jahre beschränkte sich auf eine Beschreibung der Phänomene und deren normative Wertung, so wurden sie entweder dystopisch oder utopisch charakterisiert.In der zweiten Phase wurden sozial-empirische Studien anhand von einzelnen Fallbeispielen durchgeführt, jedoch ohne Einbindung in größere theoretische Diskussionen.In der dritten Welle bis in die 2010er wurde die Verbindung zwischen sogenannter Offline-und Online-Religiosität in Bezug auf potentielle Transformationen von religiöser Autorität, Identität, Gemeinschaft und so weiter theoretisch reflektiert und kritisch diskutiert.Gerade in den frühen Phasen standen die akademische Rechtfertigung und Relevanz des Forschungsgegenstandes im Vordergrund und es wurde ihre Besonderheit in den Vordergrund gerückt.Dabei wurde eine besondere Art von Religioneine sogenannte digitale Religionpostuliert.Schon Krüger wies im Zusammenhang des Massenmediums Fernsehen darauf hin, dass "[d]ie religionsbezogene Fernsehforschung [...] in Deutschland bis heute unter dem theologischen (und damit zugleich normativen) Konstrukt einer ‚Medienreligion'" (Krüger 2012, 218) leidet.Ein prominentes Konstrukt in Religionsforschung in Bezug auf digitale Kommunikationstechnologien ist das einer sogenannten digitalen Religion (zum Beispiel Campbell and Tsuria 2022 oder der universitäre Forschungsschwerpunkt "Digital Religion(s)" in Zürich), das eine Trennung zwischen einer sogenannten analogen und einer digitalen Religion impliziert.Diese Dichotomie ist aber in (mindestens) zweierlei Hinsicht problematisch.So ist erstens zu fragen, inwieweit das Konstrukt digitale Religion überhaupt sinnvoll ist.Der Begriff der digitalen Religion scheint auf etwas zu verweisen, das nur digital existieren würde.Dies widerspricht jedoch religiösen Praktiken, die von religiösen Gruppierungen oder Einzelakteur:innen sowohl mit Hilfe digitaler Kommunikationstechnologien als auch analog vollzogen werden können.Ein Beispiel dafür stellen hybride Gottesdienste dar, in denen ein Teil der religiösen Akteur:innen während der COVID-19-Maßnahmen den Gottesdienst in einer Kirche besucht hat, während andere durch digitale Tools wie Zoom digital zugeschaltet