Projekt
Patientenbeteiligung als Schlüssel der Patientensicherheit: Bedingungen, Erfahrungen, Implikationen
Zu den wichtigsten Ursachen für Morbidität und Mortalität im Gesundheitswesen zählen vermeidbare unerwünschte Ereignisse. Etablierte Ansätze der Patientensicherheit stellen vor allem professionelles Handeln und technische Standards in den Mittelpunkt, wobei die Perspektive von Patient*innen bislang nur begrenzt berück…
Zu den wichtigsten Ursachen für Morbidität und Mortalität im Gesundheitswesen zählen vermeidbare unerwünschte Ereignisse. Etablierte Ansätze der Patientensicherheit stellen vor allem professionelles Handeln und technische Standards in den Mittelpunkt, wobei die Perspektive von Patientinnen bislang nur begrenzt berücksichtigt wird. Die vorliegende Dissertation untersucht, unter welchen Voraussetzungen Patientenbeteiligung zur Patientensicherheit beiträgt und welche individuellen, organisationalen und strukturellen Faktoren ihre Umsetzung fördern oder erschweren. Die Dissertation basiert auf drei komplementären Teilstudien im Mixed-Methods-Design. Publikation 1 umfasst ein systematisches Scoping-Review zur internationalen Evidenz soziodemografischer und sozioökonomischer Einflussfaktoren auf die Patientenbeteiligung. Publikation 2 validiert die „Patients’ Perceptions of Safety Culture Scale“ (PaPSC) qualitativ anhand leitfadengestützter Interviews mit Patientinnen eines universitären Maximalversorgers. Publikation 3 analysiert 1.390 Berichte aus dem sektorenübergreifenden, patientenzentrierten Portal „mehr-patientensicherheit.de“. Die Ergebnisse zeigen, dass die Patientenbeteiligung sozial ungleich verteilt ist. Patientinnen mit höherer Bildung, größerer digitaler Kompetenz und einer günstigeren sozioökonomischen Situation beteiligen sich häufiger an Maßnahmen zur Patientensicherheit. Demgegenüber bestehen für vulnerable Gruppen Zugangs- und Beteiligungsbarrieren. Eine offene Sicherheitskultur, vertrauensvolle und zielgruppengerechte Kommunikation sowie die Berücksichtigung individueller Sicherheitsvorstellungen fördern die Beteiligung. Digitale Beteiligungsformate schaffen zusätzliche Möglichkeiten, können bestehende Ungleichheiten jedoch verstärken, wenn sie nicht inklusiv gestaltet werden. Die Ergebnisse werden in einem integrativen Mikro-Meso-Makro-Modell zusammengeführt. Dieses verknüpft individuelle Erfahrungen von Patientinnen mit organisationalen Merkmalen der Sicherheitskultur sowie gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen. Es verdeutlicht, wie Faktoren auf allen drei Ebenen die Patientenbeteiligung fördern oder begrenzen und gemeinsam die Patientensicherheit beeinflussen. Die drei Teilstudien kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass Patientenbeteiligung ein wesentlicher Bestandteil einer wirksamen Patientensicherheitsstrategie ist. Die Dissertation erweitert die bisher überwiegend technik- und professionsorientierte Perspektive um eine systematische, patientenzentrierte Sichtweise und stellt die empirischen Ergebnisse in einen theoretischen Gesamtzusammenhang. Daraus ergeben sich Empfehlungen für niedrigschwellige Beteiligungsangebote, patientenzentrierte Kommunikation sowie organisationale und gesundheitspolitische Rahmenbedingungen, die eine lernorientierte Sicherheitskultur und eine nachhaltige Einbindung von Patient*innen fördern.