Wissenschaftlerin mit Pipette in einem hellen biomedizinischen Labor

Projekt

Mensch vs. Chatbot – Resonanzraum oder Echokammer des Selbst?

Menschen in psychosozialen Krisensituationen überbrücken die stetig wachsende Lücke zwischen Psychotherapieangeboten und Nachfrage zunehmend mit generativen Chatbots. Die vorliegende Einzelfallstudie untersucht die parallele Nutzung von realweltlichen Beratungspersonen und einem KI‑Chatbot im Hinblick auf Beziehungsqu…

Menschen in psychosozialen Krisensituationen überbrücken die stetig wachsende Lücke zwischen Psychotherapieangeboten und Nachfrage zunehmend mit generativen Chatbots. Die vorliegende Einzelfallstudie untersucht die parallele Nutzung von realweltlichen Beratungspersonen und einem KI‑Chatbot im Hinblick auf Beziehungsqualität, emotionale Wirkung und Resonanzerfahrung. Die explorative Fallanalyse wurde auf Grundlage der Grounded Theory durchgeführt. Die Datenerhebung erfolgte über ein episodisch-narratives Interview mit anschließender theoriegenerierender Codierung. Aus den 347 Kodierungen wurden fünf Kategorien entwickelt: (1) Interaktion mit dem Chatbot, (2) Interaktion mit Menschen, (3) Effekte des Chatbots, (4) Symbiose und (5) Bedingungslose Allverfügbarkeit. Im Erleben des Betroffenen zeigten sich sowohl menschliche Beziehungen als auch die Interaktion mit dem Chatbot als potenzielle Echokammern, in denen eigene Überzeugungen und Gefühle verstärkt wurden. Während die Kommunikation mit dem KI-Chatbot durch Stabilität, Selbststeuerung und emotionale Entlastung geprägt war, blieb das Erleben echter Resonanz, verstanden als spontane, verkörperte und affektiv tiefgreifende Antwortbeziehung, ausschließlich der zwischenmenschlichen Begegnung vorbehalten. Dennoch konnte der Chatbot einen subjektiv bedeutsamen Resonanzraum simulieren, in dem authentische Emotionen evoziert wurden. Die Studie zeigt das Potenzial einer symbiotischen, verantwortungsvoll verschränkten Nutzung von KI-Chatbot und menschlicher Beratung. Chatbots können unterstützend wirken, ersetzen aber keine tiefgreifenden menschlichen Resonanzbeziehungen. Langfristige Effekte dieser hybriden Beziehungserfahrungen auf Identität, Bindungsverhalten und psychosoziale Gesundheit sind noch unzureichend erforscht und sollten zukünftig vertieft untersucht werden.

Themengebiete

Hochschulen