Moderner Universitätscampus im Sonnenlicht

Projekt

18711 Nachruf auf Evelyn Fox Keller (1936–2023)

Am Frühabend des 8. Februar 2006 trat eine zierliche Dame mit grauem Pferdeschwanz an das Pult im Hörsaal der Goethe Universität Frankfurt am Main. 1 Dass sie fast 70 war, hätte niemand vermutet.Viele waren gekommen, um die Frau zu hören, die mit ihrer Biografie der Nobelpreisträgerin Barbara McClintock, lang untersch…

Am Frühabend des 8. Februar 2006 trat eine zierliche Dame mit grauem Pferdeschwanz an das Pult im Hörsaal der Goethe Universität Frankfurt am Main. 1 Dass sie fast 70 war, hätte niemand vermutet.Viele waren gekommen, um die Frau zu hören, die mit ihrer Biografie der Nobelpreisträgerin Barbara McClintock, lang unterschätzte Entdeckerin der "springenden Gene", mehr noch mit dem Bestseller Liebe, Macht und Erkenntnis.Männliche oder weibliche Wissenschaft?(1986, übersetzt von Bettina Blumenberg) die Feministische Epistemologie begründet hat.Die Frau, die an Joan Baez erinnerte, lieferte aber keine Reflections on Gender and Science, wie ihr Buch im Original hieß, sondern sprach genau über das, was im Programm stand.Ihr Thema waren Konzepte der Selbstorganisation, die aktuell als Anwärter zur Erklärung von Leben verhandelt werden.Dabei kamen neben Kant und Locke als Gewährsmännern für die ewige Verschiedenheit von Organismus und Maschine viele Physiker vor.Aber keine (andere) Frau, denn inhaltlich ergab es sich nicht.Zudem wurde die Vortragende von ihren Anhängern seit Jahren als Feminalistin fehlinterpretiert, als ob ihr Ziel eine weiblichere Wissenschaft sei.Mitnichten.Ihr Anspruch war eine erkenntniserweiterte Wissenschaft, in der die Kategorie Gender irgendwann keine Rolle mehr spielen werde.Die Erwartungen an jenem Abend wurden also trotz eines brillanten Vortrags tendenziell enttäuscht, was das Beste ist, was man von einer Erkenntnistheoretikerin sagen kann.Die Referentin war Evelyn Fox Keller, seit 1992 Professorin für Philosophie und Wissenschaftsgeschichte am MIT in Cambridge/Massachusetts und mit internationalen Preisen hochdekoriert, darunter das MacArthur Fellowship.Wie ihr im Mai desselben Jahres verstorbener Altersgenosse Ian Hacking (1936-2023) hat sie die Wissenschaftsphilosophie und -geschichte ein halbes Jahrhundert geprägt.Beide bearbeiteten mit einer Mischung aus Realismus und Nominalismus Fragen der Objektkonstitution, d.h.wie Wissenschaftler ihren Untersuchungsgegenstand konzeptuell fassen, werten und konstellieren.Im Gegensatz zu Hacking tat Keller dies auch als praktizierende Naturwissenschaftlerin, die sich und ihr Feld dabei beobachtete.In der Wechselwirkung zwischen Wissenschaftlern und ihren Untersuchungsgegenständen entstehen teilsubjektivierte Objekte, in die individuelle Erwartungen und soziale Bedingungen eingeschrieben sind, darunter Geschlechterverhältnisse.Solche Objekte sind historisierbar und erlauben, die Produktion von Wissen als im Zwischenraum zwischen Subjekt und Objekt angesiedelt zu erzählen -nach Georg Simmel liegt dort der Hort der Kultur.